Gelebtes QM-System im Unternehmen

  • Gelebtes Qualitätsmanagementsystem im Unternehmen

    Hey Spritzguss-Community,

    als Neuling im Qualitätsmanagement in der Kunststoffverarbeitung freue ich mich immer wieder, wenn wir uns hier austauschen können. Meine zuletzt begonnenen Themen hier im Forum behandelten eher ausgewählte, technische Schwerpunkte, die mir in den letzten Wochen begegneten, und mich zum Grübeln brachten. Mein heutiger Beitrag ist etwas allgemeiner gehalten, und dreht sich vorrangig um den Bezug zum Qualitätsmanagement.

    In der Serienproduktion von Spritzgussteilen dreht sich ja alles um Präzision, Effizienz und diese kleinen Details, die den Unterschied zwischen "gut" und "perfekt" machen. Heute möchte ich ein spannendes Thema anstoßen: Wie leben wir eigentlich unser Qualitätsmanagementsystem (QMS) im Alltag? Es geht nicht um trockene Normen wie ISO 9001, sondern um den echten Puls in euren Betrieben – von der Maschine bis zum Meeting-Raum.

    Ich bin gespannt auf eure Stories und Insights! Lasst uns mal genauer hinschauen und teilt eure Erfahrungen zu diesen Punkten:

    1. Wie wird bei euch das Qualitätsmanagement wirklich gelebt?
      Ist es mehr als ein Ordner mit Warenprüfzeugnissen, Arbeitsanweisung und technischen Detailzeichnungen im Regal? Wie integriert sich das QMS in den täglichen Workflow – vielleicht durch tägliche Stand-ups, Schulungen oder Tools, die alle mit einbeziehen? Erzählt von den Momenten, in denen Qualität spürbar wird, sei es bei der Schichtübergabe oder im Umgang mit Lieferanten, und auch untereinander.
    2. Welche Prüfverfahren und -methoden kommen im Arbeitsfluss zum Einsatz?
      Von der Inline-Überwachung während des Spritzens bis hin zu visuellen Endkontrollen: Welche Tricks und Techniken nutzt ihr? Ob optische Systeme, Drucktests oder statistische Prozesskontrolle (SPC) – was läuft bei euch smooth und hält die Teile top? Wie ist eure Warenannahmeprüfung strukturiert?
    3. Welche Kennzahlen werden erhoben und ausgewertet – und wie leitet ihr daraus Maßnahmen ab?
      Ausschussraten, Zykluszeiten, OEE oder vielleicht spezielle Metriken für Materialverbrauch? Wie trackt ihr das, und was passiert dann? Ein Dashboard, das Alarm schlägt, oder Workshops, um Verbesserungen zu brainstormen? Teilt, wie aus Daten echte Action wird!
    4. (Nicht zwingend QM-Bezug) Nutzt Ihr bereits Vorzüge von Künstlicher Intelligenz?
      Derzeit in aller Munde, und voraussichtlich ein Thema, was in der nächsten Zeit Einzug in den Arbeitsalltag von Vielen hat - Nutzt Ihr bereits bei Anwendungsfällen künstliche Intelligenz? Wie ist euer Eindruck davon, was kann Sie leisten, wofür bedarf es noch echte Manpower?

    Ich bin überzeugt, dass wir hier voneinander lernen können – vielleicht inspiriert eure Antwort ja den nächsten Optimierungs-Hack im eigenen Umfeld.

    Freue mich über eure Kommentare und Antworten, gerne auch gespickt mit der ein- oder anderen Erfahrung während eures jetzigen Berufswegs, auch gerne mit Bezug zu Audits, ob interne oder auch externe. Wer startet?

    Beste Grüße,
    lex.qm-plastics

  • Hui, das sind aber viele Fragen auf einmal.
    Vielleicht bringst du die lieber etwas gestückelt ins Forum ein :grinning_face_with_sweat:.

    Ich kenne sowohl die Welt der Medizintechnik, als auch die von Automotive... und es sind wirklich WELTEN in nahezu allen von Dir genannten Bereichen.
    Wüsste gar nicht, wo ich da anfangen soll.

    Um zumindest deine letzte Frage nach KI zu beantworten: Nein, derzeit machen wir meines Wissens noch nichts in dieser Richtung.
    Ich denke zur "Mustererkennung" oder "Unterstützung bei der Fehlersuche" wird es schon noch hilfreich werden, aber ein guter Einsteller wird sicherlich noch viele Jahre unverzichtbar sein.
    Und obwohl ich ein großer Fan von ChatGPT bin, habe ich in Spritzgussthemen doch schon viele Falschaussagen gelesen. Da muss es noch viel lernen. :upside_down_face:

  • Ich selbst nutze kein QM-System, aber ein paar Anmerkungen muss ich machen.

    Eine konstant gute Qualität kann nur mittels sauberer Datenerfassung erfolgen. Sprich, da wo die Daten anfallen müssen sie erfasst werden und das ist die Kavität. Gast hat es schon vor vielen Jahren vorgemacht, wie es geht und hat damit auch die Grundlagen für die richtigen Daten geschaffen. Ich brauche zwangsläufig Sensorik im Werkzeug, sonst bringen mir alle Daten außerhalb des Werkzeugs nichts, weil sie nicht mehr eineindeutig sind[mathematische Definition für eine Lösung, die einen klaren Ursprung hat. 2x2=4 ist z.B. nicht eineindeutig, weil auch (-2)*(-2)=4 ergibt].
    Somit ist das gesamte QS-Wesen nach dem Werkzeug für mich mittlerweile nur noch ungenügend und kann die diversen Ursachen nicht genau benennen, warum nun etwas schief lief. Beispiel unvollständig gefüllte Teile. Kann durch eine erhöhte Viskosität des Materials die Folge sein oder eine zugesetzte Entlüftung oder eine Temperaturschwankung. Oder alle drei zusammen. Ohne die Daten aus der Kavität, muss ich raten. Schlecht.

    Und damit komme ich zur KI. Es gibt andere KIs, abseits der LLM-KIs wie ChatGPT, die auf Mustererkennung getrimmt sind und den Job machen die sehr gut. Aber nur, wenn auch die notwendigen Daten in ausreichender Qualität vorliegen. Geht also nur mit Sensorik im Werkzeug. Es gibt einige Start-Ups, die das ohne Sensorik bewerkstelligen wollen, aber sobald die Daten nicht mehr eineindeutig sind, geht das Dilemma los. Woran lag es? Schließlich ist die KI nicht schlauer als der Mensch, der sie mit Daten füttert. Somit ist eine KI ohne die eineindeutigen Daten ziemlich nutzlos, weil sie häufig genug falsche Aussagen treffen wird. Wie der Mensch. Nur liegt die KI dann schneller falsch als der Mensch.

    Die Zukunft liegt also in der Sensorik in Werkzeugen. Ich kann allen Spritzerein nur raten sich damit zu befassen, weil man nicht drum herum kommen wird. Drucksensoren können nicht überall eingesetzt werden, weshalb ich ein großer Freund von Ultraschallsensoren bin. Die liegen nicht an der Schmelze an, sondern schicken das Signal auch durch ein paar cm Stahl hindurch, damit die Dicht gemessen wird. So sind auch 2-3mm zwischen zwei Temperierkanälen ausreichend an Platz, um zu wissen, was wann in der Kavität passiert und somit lassen sie sich wesentlich leichter nachrüsten. Ich bin mit der Fa. Moldsonics, die diese Ultraschallsensoren baut und vertreibt, im Kontakt, weil ich damit noch einiges vorhabe. Die ziehen da auch mit, weil das Thema Datenanalyse auch für sie relevant ist.

  • Das mit dem QM ist bei mir so ein kleines Reizthema J zumindest was unser Unternehmen angeht.

    Wir stellen keine sicherheitsrelevanten Teile her wie beispielsweise im Automotive oder der Medizintechnik sondern Konsum- bzw, Livestyleprodukte die recht wenig Anforderungen haben. Sie müssen funktionieren und optisch einwandfrei sein.
    Warum wir deshalb irgendwelche ISO Zertifizierungen bzw. ein komplett aufgeblasenes QM Management benötigen erschließt sich mir bisweilen nicht.

    Einige Qualitätsmerkmale sind sicherlich einzuhalten aber das war es dann auch schon.

    Die hochgelobte Dokumentation die geführt wird ist doch nur sinnvoll wenn man stabile und jederzeit reproduzierbare Prozesse generiert die uns die geforderte Qualität sichern. Und da scheiden sich die Geister inwiefern die vorhandenen Prozesse dauerhaft stabil sind weil, wie wir alle wissen, die Anzahl der Störgrößen doch enorm ist. Es gibt wie schon erwähnt einiges an moderner Sensorik die uns zeigt was im Werkzeug passiert nur muss diese auch richtig interpretiert werden können und dann in Form von Daten auch richtig als Qualitätsmerkmal zugeordnet werden oder auch nicht. Stimmen die erreichbaren Toleranzen der Spritzparameter überhaupt mit einer Aussagekraft zur Qualität überein.

    Wie oft spritzen wir Teile mit den gleichen Maschinenparametern wie bei vorherigen Produktionen aber erhalten unterschiedliche Ergebnisse? Wer legt fest welche Parameter für ein Spritzgussteil für die Qualität von Relevanz sind? Das kann von Teil zu Teil variieren und muss den starr denkenden QW Menschen erst erklärt werden.

    Das Thema KI finde ich diesbezüglich interessant da ich weiß, dass man schon an Maschinensteuerungen bastelt die tatsächlich nach „geschultem Wissen“ den Fertigungsprozess steuern/regeln. Hier wird über den ermittelten Fließindex des Volumenstroms der Prozess in der Maschine angepasst/korrigiert um bestmögliche einheitliche und stabile Prozess zu erhalten.

    Ich denke das ist dann sinnvoller als jede Dokumentation die Parameter als Basis hat deren Relevanz doch oft fraglich ist.

  • Streetforce , Dein Beitrag spiegelt genau das, was bei Verweigerung von a) verfügbarer Technik und b) zeitgemäßer Aus- und Weiterbildung heraus kommt: Ein blindes chaotisches *sich herumquälen* mit einem Herstellungsverfahren, welches interessanter und faszinierender nicht sein kann! Ja, in diese Sackgasse haben sich die Spritzgießer in den vergangenen 40 Jahren selbst hineinmanövriert!

    Warum?

    Ganz einfach: Weil ALLE, und damit meine ich besonders die für die Ausbildung und Weiterbildung verantwortlichen Institute, Kammern, Hochschulen, Verbände u. ä., sich dem technologischen Fortschritt (wie im Beitrag von 1u21 gut beschrieben) auf die bornierteste Art und Weise bei der Aus- und Weiterbildung verweigert haben! Als weitere Verursacher möchte ich die *alten Hasen* in den Spritzereien nicht vergessen, die auch kein Interesse an *innovativer Veränderung* hatten und bis heute auch nicht haben! Bin übrigens mit meinen 72 auch ein alter Hase ... :winking_face_with_tongue:

    Aus diesem törichten Verhalten einer ganzen Branche - Prof. Dr. Menges hat z. B. schon vor 50 Jahren auf die Wichtigkeit von Werkzeugsensoren hingewiesen - hat sich genau das entwickelt, was heute laut beklagt wird:

    Ein aufgeblähtes TEURES QM-System!

    Warum?

    Nur weil der Kunde konstante VOM LIEFERANTEN ZUGESAGTE(!) Qualität haben möchte, Was sein gutes Recht ist!!

    Ich kann nur aus zig Jahren gelebter Praxis bestätigen: Es geht, und das mit viel weniger Chaos in den Prozessen und viel weniger Prüf- und Kontrollaufwand!


    Bitte hofft nicht auf KI - dass wird noch zig Jahre dauern, bis Spritzguss so möglich wird,

    wie es heute(!) schon mit GUT AUSGEBILDETEN SPRITZGIESSERN möglich wäre!

    ***Mit dem Denken von GESTERN begeistert man keine jungen Leute von HEUTE!***

  • Erst einmal Danke für eure Beiträge zu der spannenden Thematik!

    Für mich als jemand, der nun seit Anfang Juni diesen Jahres sich in das Thema Spritzguss einarbeitet, und erste Eindrücke sammeln konnte, geben eure Antworten wertvolle Anstöße.

    Ursprünglich komme ich aus dem Bereich Schaltanlagen, und war hier mehrere Jahre im QM tätig, und das in Großkonzernen (Aktiengesellschaften, weltweit über 100k Mitarbeiter), und bin nun bei einem mittelständischen Spritzgießer gelandet (GmbH, ~55 Mitarbeiter insgesamt). Dass es sich hierbei um verschiedene Welten handelt, muss ich nicht erläutern, auch wenn Arbeitsabläufe und grundsätzliche betriebswirtschaftliche Strukturen sich teils ähneln. Dass die Mitarbeiter und die Orientierung an die Bedürfnisse des Kunden der Schlüssel für einen langfristigen Erfolg sind, davon bin ich überzeugt.

    Ein gelebtes QM-System aus meiner Sicht muss nicht zwingend nur „aufgeblähte Dokumentation“ sein, weil es sich oft so darstellt (bereits selbst des Öfteren erlebt), dass ein Dokument erstellt wird, damit genügt man einer x-beliebigen Muss-Anforderung (Quelle: Normen, Kunden-Spec,...), und später wird es nie wieder im Arbeitsalltag genutzt, und verschwindet dann in einer Ablage. Höchstens, wenn man mal etwas nachschlagen muss, oder eine Grundlage für Diskussionen schaffen will – da sehe ich Anwendungsfälle. Nun gut, hinsichtlich Relevanz von Dokumentation, da scheiden sich die Geister.

    Was ich mittlerweile als besonders wertvoll erachte, ist die Kennzahlenbasierung im QM. Ein System kann nur dann gelebt werden, wenn es auf objektiven Messgrößen fußt und diese für alle verständlich sind. Im Spritzgussbereich sprechen wir beispielsweise über Ausschussquoten, Nacharbeitszeiten, Rüstzeiten, ppm-Werte, Reklamationszahlen oder auch Liefertermintreue. Mit solchen Kennzahlen lassen sich Trends erkennen und Maßnahmen nachvollziehbar ableiten. Vor allem bieten sie eine gemeinsame Sprache, sowohl intern für die Mitarbeiter, als auch extern für Kunden oder Auditoren.

    Genauso prägend ist für mich der tägliche Arbeitsalltag im QM, der sich im Mittelstand deutlich von meiner Erfahrung im Konzern unterscheidet. Während in Großunternehmen Aufgaben oft stark spezialisiert und Rollen klar abgegrenzt sind, erlebe ich hier eine viel breitere Verantwortlichkeit. An einem Tag prüfe ich Reklamationen, am nächsten begleite ich Produktionsfreigaben, dann wieder schule ich Mitarbeiter oder werte Kennzahlenberichte aus, oder prüfe und messe gefertigte Teile selbst, und dokumentiere Prüfergebnisse. Gerade diese Nähe zu den Prozessen – man ist wortwörtlich direkt an der Maschine oder spricht mit den Kollegen in der Produktion – empfinde ich als sehr wertvoll. Das QM-System ist hier kein abstraktes Konstrukt, sondern etwas, das unmittelbar auf die tägliche Arbeit und die Produktqualität wirkt.

    Letztenendes zahlt der Kunde für sein bestelltes Produkt, und damit sind dann auch Erwartungen geknüpft, welche es zu übertreffen gilt. Das Geld des Kunden zahlt letztenendes die Löhne jedes einzelnen Beschäftigten in den Unternehmen, und so trägt das QM auch einen wichtigen Teil für den langfrsitigen, wirtschaftlichen Erfolg bei.

  • Wie oft spritzen wir Teile mit den gleichen Maschinenparametern wie bei vorherigen Produktionen aber erhalten unterschiedliche Ergebnisse? Wer legt fest welche Parameter für ein Spritzgussteil für die Qualität von Relevanz sind? Das kann von Teil zu Teil variieren und muss den starr denkenden QW Menschen erst erklärt werden.

    Ich habe in einen anderen Beitrag schon gesagt, dass dabei ein Faktor oft beiseite geschoben oder vergessen wird: die Qualität des Kunststoffes. Die kann nur die Entwicklung und der Einkauf beeinflussen, die Produktion nicht!

    Und noch eines darf man nicht vergessen: Einige Vorschriften werden nur entwickelt, damit der Entwickler seinen Arbeitsplatz rechtfertigen kann!

    Grüsse aus dem Oberharz

    Lutz

  • Das Thema KI finde ich diesbezüglich interessant da ich weiß, dass man schon an Maschinensteuerungen bastelt die tatsächlich nach „geschultem Wissen“ den Fertigungsprozess steuern/regeln. Hier wird über den ermittelten Fließindex des Volumenstroms der Prozess in der Maschine angepasst/korrigiert um bestmögliche einheitliche und stabile Prozess zu erhalten.

    Alles muß erst entwickelt werden. Für Fortschritte dabei braucht es das Feetback aus der Praxis!
    Gleichzeitig müssen die Chefs dabei einsehen, dass so etwas nicht das Allheilmittel ist!

    Nochmal Grüsse

    Lutze

  • Beachte bitte, dass Kunststoffe ein statistisches Material ist. Kein Granulatkorn hat die gleichen Eigenschaften wie das andere und damit schwankt der Prozess von Natur aus immer. Die von dir aufgeführten Kennzahlen gibt es seit den 80er und haben die Probleme weiterhin nicht gelöst. Es gibt Möglichkeiten, werden aber als teuer verschrien. Ist wie bei Simulationen. Ein vermiedener Fehler taucht nicht in der Bilanz auf und schon stellt sich die Frage, wozu Sensorik oder Simulationen notwendig sind.

  • Spritzguss wird immer wieder viel zu komplex betrachtet. Fakt ist, dass in der Kavität eines Werkzeugs das immer gleiche Kunststoffvolumen erzeugt werden muss, nicht mehr und nicht weniger! Bis heute wird dieses gemäß der Lehre und Ausbildung immer noch wie zur "Spritzguss-Steinzeit" mit Druck/Kraft erzeugt/angestrebt - also mit ÜBERLADUNG :thumbs_down:!

    Wer dieses nicht will, MUSS MIT WERKZEUGINNENDRUCK DAS VOLUMEN IN DER KAVITÄT bestimmen und regeln, da IN DER KAVITÄT WIEDERHOLGENAUE KOMPRESSION ERZEUGT WERDEN MUSS! Punkt.

    Logik: Viskositäts-Schwankungen erzeugen Volumenschwankungen, weil der plastische Kunststoff nun mal KOMPRESSIBEL ist!

    So einfach ist das!

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